Und es begab sich zu der Zeit ...

 

... als uns - Rolf und Jens Bodenstein, Alfred Buttgereit und mir - die Rhön zu niedrig, Hanstholm zu kalt, die Anden zu weit und Schottland zu schwierig zu erreichen waren, daß wir gen Süden aufbrachen, um neue segelfliegerische Gebiete zu erkunden.


Appetit bekommen hatten wir durch einen Bericht von Ralph Müller in einem Modell-Sonderheft.
Dort war die Rede von Hammerbärten, traumhaften Panoramen; ja sogar selbst fliegende Campingstühle waren zu sehen und steigerten die Vorfreude ins Unermessliche.

Gesagt, geplant, getan kam es im Juniˋ94 zur ersten Kärntenreise zum Gaugen. Unserer Uner-fahrenheit war es zuzuschreiben, dass wir neben einer geringen Anzahl von Seglern (cirka 38- es könnte ja mal etwas kaputtgehen) auch eine Wilga zum F-Schlepp in das Land der unbe-grenzten Segelflugmöglichkeiten mitnahmen.
Die Eindrücke wiederzugeben, würde jeden Bericht sprengen!

Es war von allem etwas und doch nicht das, was anfangs zugeschnitten war. Die Unterbringung auf dem Gaugen  ist herrlichst: eine nicht zu übertreffende Hüttenatmosphäre mit einer genialen Fliegerkameradschaft führte zum Absterben einiger Leberzellen und der Ausbildung vieler neuer Lachmuskeln. Wer von Euch Klaus Fehrmann kennt und sich das Zusammentreffen mit Rolf Bodenstein vorstellen kann, weiß welch kulturellen Hochgenuss die Abende auf dem Gaugen darstellen.

Zum Fliegen: Thermik mäßig, aber nicht übermäßig, das Panorama überwältigend, die Landemöglichkeiten bescheiden und kaum zu glauben: es wurde F-Schlepp an einem Schlechtwettertag gemacht. Nachteilig war die medizinisch nicht zu vertretende Belastung des 20-30 minütigen Aufstiegs zur Startstelle. Röchelnde Rufe des hochroten Rolf in kärntnerisch hervorgebrochen: "I mog net meeehhr !" und das erschreckende Anschwellen der Wadenmuskeln von Alfred, sowie der dramatische Rückgang des Zigarettenkonsums von Jens Bodenstein und mir ließen nur ein Ergebnis zu: erneuter Gaugenurlaub nur ohne Wilga aber mit Sauerstoffzelt, Sanitätstrage und Bernadiner zur Modellsuche.

Erneutes Kärntenfieber kam auf, als uns von der Koralpe erzählt wurde. Zwanzig ebene Schritte vom Hotel zur Startstelle schienen uns eine medizinische Notausrüstung nicht erforderlich zu machen und ließen alle anderen Erzählungen über Thermik und Landemöglichkeiten in den Hintergrund treten. Was wir dann im Juni ˋ95 erlebten hat bis heute - nach dem zweiten Koralpe-Trip nichts an Faszination verloren.
Die Thermik dort ist sehr konstant, eher eine Mischung aus einem Hangwind vom breiten Lawanttal und regelmäßiger Ablösungen, wie sie in 1600 Metern Höhe üblich sind. Die Landewiese - gemähte 3000qm trifft man nach der zweiten Marille (Koralpengrundnahrungsmittel) immer und auch mit dem größten Segler. Geflogen wird ab 10:00 Uhr morgens bis 20:00 Uhr Abends; selbst ein Leichtwindflug um 23:00 Uhr mit Flutlichtbeleuchtung brachte mir eine kleinere Anzahl oben genannten Grundnahrungsmittels ein.

Was lockt uns nunmehr sicher zum dritten Mal im Juni ˋ97 an den selben Ort:

  • die Faulheit (kurze Wege sind in den Alpen gute Wege)
  • die fliegerischen Bedingungen. (von bisher 19 gebuchten Tagen 17 mit Fliegen bis der Arzt    kommt kann nicht schlecht sein)
  • die Unterkunft. (Wirt ist selbst segelflugsüchtig mit Superessen und wenig geistreichen Getränken) 
  • die Kameradschaft zu einem Schwabentrüppchen.


Punkt 4 muss erklärt werden:
Bislang war der Main die Höchstgrenze der sprachlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen - dahinter beginnt Norditalien. Auf der Koralpe lernten wir 1995 ein Trüppchen Namens "Schildwachtflieger" aus Geislingen kennen und schätzen. Anfänglich skeptisch riefen beide Seiten nach Dolmetschern, nunmehr ist ein fast blindes Verstehen daraus geworden: "Rolf da lingsch gaats!" oder "Peter kanscht mi ma naufschwätze?" sind uns Borstlern geläufige, fast geliebte Ausdrücke der schönsten Nebensache der Welt geworden. Das dieses Trüppchen neben der Fliegerei auch noch eine Menge unternimmt - Hüttenwanderungen, Tennisturnier - sei nebenher bemerkt.
Unser modellfliegerischer Kulturaustausch bestand in der Einweisung dieser unwissenden Kreaturen in die höheren Weihen des F-Schlepps mangels Schleppmaschine mit Elektroseglern durchgeführt.

Wolfgang und ich haben bereits eine Flugsafari im Schwabenreservat Geislingen erlebt. Dort mitten unter freilaufenden schwäbischen Kreaturen erlebten wir Hangflug im, über und durch den Wald; dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Warum, zum Schluss beantwortet, betitele ich diese Zeilen mit Alptraum?

Diese Geschichte beginnt mit fünf Buchstaben:

Selten                                              

Auf                                              

Langen                                              

Thermikflügen                                          

Obengeblieben 

 Es war nunmehr mein vierter Salto, der in selbstüberschätzender Weise dem Gott der Gerlitzen geopfert wurde. Ins Lee gestartet, ohne Kenntnis des Hanges, in dem sicheren Bewusstsein alpin geht immer, war nunmehr ˋ96 der vierte Salto abgesoffen, entfleucht und nicht wieder gefunden.
Der kurze Kampf um die ersehnte Thermik veranlasste Rolf auf Alfreds Frage: was macht Christoph da draußen? kurz aber treffend zu antworten: " Och der, der setzt gerade seine alpine Duftmarke!"
Genug beschrieben, wir Kärntensüchtigen sind uns einig: Alpin macht Spaß, geht oft sehr gut manchmal sehr schlecht und ist ein Erlebnis der besonderen - der ganz besonderen Art.
Wer mehr wissen will, muss mitkommen.
 
Euer Christoph

 

 

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